Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung?

Derzeit finden sich zahlreiche Konzepte, Initiativen und Projekte, um “Nachhaltige Entwicklung” auf den verschiedenen Ebenen des Bildungsystems zu verankern und zu fördern. Eine genauere Betrachtung der vielfältigen Anstrengungen, aber auch der zahlreichen Publikationen zum Thema zeigt jedoch eine heterogene Verwendung der Begriffe „Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung“ (BNE) bzw. „Education for Sustainable Development“ (ESD).

Die hohe Anschlussfähigkeit und damit auch die Gefahr der beliebigen Interpretierbarkeit, die in Bezug auf Nachhaltige Entwicklung konstatiert werden, gelten auch für BNE. So gibt es eine Vielfalt an Pädagogiken (von der Umweltbildung über das Globale Lernen und die Konsumerziehung sowie die Freizeitpädagogik) und Fächern (Erdkunde, Biologie, Religion, politische Bildung etc.), die sich mehr oder weniger auf den Fachbegriff “Bildung für eine nachhaltige Entwicklung” beziehen, darunter jedoch Verschiedenes verstehen und sich häufig lediglich auf einzelne Aspekte der Idee der Nachhaltigkeit beziehen. Die Folge dieser inflationären und heterogenen Verwendung ist, dass BNE oftmals als diffuses und schwer zu fassendes Konzept wahrgenommen wird.

Um zu verhindern, dass BNE zu einem Sammelbecken für jegliche Art von Bildungsanliegen und als Lösung für sämtliche gesellschaftliche Probleme propagiert wird, muss geklärt werden, welche Orientierungen/Funktionen eine Bildung im Kontext Nachhaltiger Entwicklung einnehmen muss und kann.

Visionsorientierung: Die Unterrichtsplanung und -durchführung einer BNE orientieren sich am Entwurf einer erwünschten Zukunft, an einer Vision. Auf diese Weise wird ein positiver, optimistischer Zugang zu gesellschaftlichen Entwicklungen ermöglicht; im Zentrum stehen somit nicht gesellschaftliche Probleme oder Katastrophenszenarien. Dies bedeutet aber auf keinen Fall, dass gesellschaftlich relevante Probleme nicht angesprochen werden sollen – im Gegenteil. Die Thematisierung von Problemen hat jedoch einen anderen Hintergrund und Zweck: Die Lernenden setzen sich themenspezifisch mit Zukunftsentwürfen sowie mit Möglichkeiten, Bedingungen und Einschränkungen der Realisierung solcher Visionen auseinander. Hierzu ist ein Verstehen der gegenwärtigen (auch problematischen) gesellschaftlichen Wirklichkeiten und deren historisches Gewordensein essenziell. In diesem Sinne stehen nicht Probleme und ihre Lösungen, sondern die Visionen und ihre Erreichbarkeit im Vordergrund. Damit die Lernenden jedoch Visionen entwickeln und sich damit auseinandersetzen können, müssen sie die Gelegenheit erhalten, sich reaktives (kritisches, analytisches) und proaktives (kreatives, konstruktives) Denken anzueignen.

Vernetzendes Lernen: Das Prinzip des vernetzenden Lernens umfasst grundsätzlich zwei Aspekte: Erstens müssen im Unterricht verschiedene Perspektiven (Akteur- und Fachperspektiven) zu einem Unterrichtsgegenstand aufgezeigt werden. Zweitens müssen diese Perspektiven explizit und angeleitet im Hinblick auf den Gegenstand bzw. auf eine übergeordnete Fragestellung hin verknüpft werden. Das Unterrichtsgeschehen soll die Lernenden also zu Vernetzungen hinführen und ihnen dabei Hilfestellungen bieten. Es darf nicht stillschweigend davon ausgegangen werden, dass die Lernenden von selbst Wissen aus verschiedenen Fachbereichen oder Sichtweisen unterschiedlicher Akteure miteinander in eine Beziehung bringen oder bei konkreten Entscheidungen beiziehen können. Thematisch muss der Unterricht Vernetzungen in verschiedenen Bereichen ermöglichen. So soll er

  • Zusammenhänge zwischen lokalen und globalen Gegebenheiten und Ereignissen sowie gesamtgesellschaftliche Auswirkungen,
  • Zusammenhänge von heutigen Geschehnissen und Entscheidungen auf zukünftige Generationen und
  • Zusammenhänge zwischen der ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Dimension aufzeigen.

Partizipationsorientierung: Partizipationsorientierung bezieht sich auf zwei Ebenen: Zum einen ist die Lerngruppe als Gesamtheit Adressat dieser Orientierung, die bei Belangen, die für alle Lernenden von Relevanz sind, einbezogen werden soll. Zum anderen wird aber auch die individuelle Persönlichkeit jedes Einzelnen angesprochen, das in Bereichen, die es persönlich betreffen, (mit)entscheiden soll. Konstitutiv für Partizipation sind sowohl das Einflussnehmen auf Entscheidungen als auch das Mittragen der Folgen dieser Entscheidungen, aber auch die Interaktion und der Informationsaustausch unter den Beteiligten. Partizipationsorientierung kennzeichnet also das Bemühen der Lehrkraft, Partizipationsmöglichkeiten im unterrichtlichen Zusammenhang umzusetzen. Partizipationsorientierung im Sinne einer BNE muss jedoch zusätzlich die Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Eingebundensein, mit Fragen nach Machtverhältnissen, Herrschaft, gesellschaftlicher Organisation von Interessen und mit der Reflexion von Kontrollmöglichkeiten im Hinblick auf eine Nachhaltige Entwicklung umfassen. Zentral ist weiter, dass getroffene Entscheidungen auch hinsichtlich Nachhaltiger Entwicklung reflektiert werden.

Handlungs- und Reflexionsorientierung: Durch konkrete Handlungsphasen und durch die Reflexion der gemachten Erfahrungen gelangen die Lernenden zu vertiefenden Erkenntnissen und Fähigkeiten.

Inhaltsorientierung: Ohne einen eigens ausgewiesenen Inhaltsbereich wird Bildung schwammig, ohne Erwerb formaler Fähigkeiten dagegen starr. Durch den Querschnittsbreich der Idee der Nachhaltigkeit läßt sich kein spezifischer Inhaltskanon ableiten. Aus diesem Grund muss auch die Ausrichtung der Unterrichtsgegenstände kriteriengeleitet erfolgen. Wir schlagen folgende Kriterien für die Auswahl und Ausrichtung der Unterrichtsgegenstände vor: Die Gegenstände müssen sich eignen, um

  • Zusammenhänge zwischen lokalem und globalem Geschehen aufzuzeigen;
  • Veränderungen über längere Zeiträume (Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft) zu thematisieren;
  • Bezüge zur Lebenswelt der Lernendenen herzustellen;

Vernetzungen zwischen der soziokulturellen, ökologischen und ökonomischen Dimension, die Interessenlagen und Wertvorstellungen verschiedener Akteure sowie gesamtgesellschaftliche Interessen erkennbar zu machen.

Transformationsorientierung: Durch Partizipationsmöglichkeiten, Visionsorientierung und konkrete Anwendungsbeispiele kann das Bewusstsein für die Gestaltbarkeit der gesellschaftlichen Transformation gefördert werden.

Vermittlung von Kompetenzen und Wissen: Bildung kann als Instrument eingesetzt werden, um der Bevölkerung generell und bestimmten Gruppen von Menschen (z.B. bestimmten Berufsgruppen) Kenntnisse und Fähigkeiten zu vermitteln, die sie zur Erreichung von konkretisierten Zielen einer Nachhaltigen Entwicklung benötigen.