Orientierung am “guten" und "schönen” Leben

Welchen Wohlstand wollen wir? Welcher ist zukunftsverträglich? Wie muss eine nachhaltige Gesellschaft aussehen? Wie eine Politik, die entsprechende Rahmenbedingungen setzt? 

Ein neuer Wohlstand für alle auf einem begrenzten Planeten erfordert einen tiefgreifenden Wandel. Es geht um neue Produktions- und Lebensweisen und um globale Umverteilung. Doch für die meisten Menschen in den reichen Ländern sind ohne dies nicht mehr materielle Güter knapp, sondern immaterielle Werte wie Zeit oder Aufmerksamkeit. Das eröffnet Zukunftsoptionen jenseits des Wachstumsparadigmas.

Der Term des ‘guten Lebens’ wird verwendet, um Beschreibungen dessen zu bezeichnen, was ein erfülltes menschliches Leben ausmacht bzw.  ausmachen kann. Solche Beschreibungen sind per Definitionen positiv und entsprechend werden synonym zum Term ‘gutes Leben’ oft der Term ‘Lebensqualität’ oder auch der Term ‘wellbeing’ verwendet.

  • Gutes Leben wird tradtitionelle durch a) materialistische Ansätze (Ressourcenausstattung und -zugang, Kapitalstöcke, Wohlstandsniveau, Lebensstandard, Lebensqualität (–> alternatives BIP) ) oder durch b) die Erfüllung physiologischer Notwendigkeiten/Bedürfnisse wie (z.B. Essen, Trinken, Hygiene, Schutz vor Witterung, Pflege der Gesundheit) bestimmt.

Dass solche Ansätze im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit besonders intensiv diskutiert werden, hat vermutlich pragmatische Gründe – der erste Typ (a) von Ansätzen reagiert auf den Wunsch nach Quantifizierbarkeit und nach einer Grundlage zur Formulierung quantitativer Soll-Werte, der zweite Typ (b)  spiegelt den Wunsch nach einem Kanon, der international auf Zustimmung stößt und dem nicht vorgeworfen werden kann, er sei kulturimperialistisch.

  • Materialistische Ansätze überzeugen jedoch nicht, wenn es darum geht, das im Kontext einer Nachhaltigen Entwicklung für alle Menschen angestrebte gute Leben näher zu bestimmen:  Als vermutlich stärkstes Argument gegen Vorschläge des ersten Typs ist ins Feld zu führen, dass diese nicht davon entbinden, eine qualitative Bestimmung des guten Lebens vorzunehmen. So kann bspw. ohne Annahmen darüber, wofür die Ressourcen benötigt werden, nicht entschieden und berechnet werden, wie viel Ressourcen zur Verfügung stehen müssen. Zudem fällt es schwer, an die Möglichkeit zu glauben, so etwas wie Ressourcenausstattung oder Wohlstandsniveau zeit und kulturunabhängig berechnen und vorgeben zu können.
  • Gegen den bedürfnisorientierten Ansatz spricht, dass er eine kaum akzeptable Verkürzung dessen darstellt, was ein gutes menschliches Leben ausmacht. “Bedürfnis” wird in diesem Diskurs zumeist defizitorientiert verwendet, um einen objektiv feststellbaren körperlichen oder psychischen Mangel-Zustand zu bezeichnen (so genannte „objektive Bedürfnisse“) oder um ein subjektives Gefühl des Mangels zu bezeichnen, das einhergeht mit dem Bestreben, dieses Gefühl des empfundenen Mangels zu beseitigen (so genannte „subjektive Bedürfnisse“)

Das spiegelt sich auch in einem eher alltagssprachlichen Bedürfnis-Begriff, in dem ‘Bedürfnis’ verstanden wird als ein Gefühl des Verlangens nach etwas, das verschwindet, wenn das Verlangen gestillt ist (unabhängig davon, ob dieses Etwas ein Stück Schokolade ist oder das Erbringen einer Hilfeleistung).

Bei der Verwendung von ‘Grundbedürfnissen’ wiederum wird vorausgesetzt, dass sich gewisse Bedürfnisse von anderen dadurch unter- scheiden lassen, dass sie für den Menschen basaler sind. Der Begriff der Grundbedürfnisse setzt also eine objektive, d.h. überindividuell geltende Güterordnung (wenn nicht sogar eine Bedürfnispyramide im Sinne von Maslow) voraus

Mit Blick auf die Idee der Nachhaltigkeit muss das zu Grunde gelegte Verständnis von Bedürfnissen es erlauben, Legitimes von Nicht-Legitimem zu unterscheiden und darauf bezogen (objektive) Bedingungen für ein (individuell) gutes Leben zu formulieren.

Erforderlich ist nicht die defizitorientierte Beseitigung des subjektiven Gefühls des Mangels sonderen eine positive (und rational begründbare) Beschreibung des erwünschten Zustandes, die auch einen Maßstab für das Feststellen eines objektiven Mangel-Zustandes setzt. Zudem würde der Verzicht auf eine positive Umschreibung des Ziels einer Nachhaltigen Entwicklung dem Anspruch entgegenlaufen, mit der Idee der Nachhaltigkeit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ein positives Ziel vorzugeben. Dienlich sind somit Ansätze, die darauf abzielen (objektive) positive Bedingungen für ein (individuell) gutes Leben zu formulieren.

Um den  Ansatz zur Bestimmung eines guten Lebens mit dem Begriff der Bedürfnisse zu verbinden, wird vorgeschlagen, “Bedürfnisse” nicht als Bezeichnung eines objektiv feststellbaren körperlichen oder psychischen Mangel-Zustands zu verstehen, sondern als Bezeichnung (individueller) subjektiver Konstrukte des Wollens, die sich nachvollziehbar auf Fähigkeiten und Eigenschaften beziehen und somit zur Bestimmung des guten Lebens als universal geltende (und damit objektive) Elemente eines guten Lebens dienen.

  • Fähigkeiten, von denen man ausgehen kann sind z.B. kognitive Fähigkeiten (Wahrnehmen, Vorstellen, Denken), Bezug zu anderen Spezies und zur Natur (Wissen um andere Lebewesen, Wissen um Abhängigkeit von nicht-menschlicher Natur etc.), Humor und Spiel (Lachen, hoher Stellenwert des Spielens etc.), die Fähigkeit zur Ortsveränderung, die Fähigkeit zu schlussfolgern, die Fähigkeit, Bindungen zu Dingen und Personen außerhalb seiner selbst einzugehen, die Fähigkeit, Sehnsucht und Dankbarkeit zu empfinden, die Fähigkeit, in Anteilnahme zur Welt der Natur zu leben. Dieser Ansatz, den auch Amartya Sen vertritt, wird gemeinhin als „Fähigkeiten-Ansatz“ bezeichnet.

Diese Kopplung des Bedürfnis-Begriffs an eine positive Bestimmung des guten Lebens und an ein darauf ausgerichtetes Wollen und Könnens führt zu einem Bedürfnis-Begriff, der nicht defizitorientiert ist. Dieser wiederum korrespondiert besser mit der an sich als optimistisch gedachten Idee der Nachhaltigkeit.

Im Zusammenhang mit Konsum muss zusätzlich die Ebene der Produkte und Dienstleistungen betrachtet werden. KonsumentInnen nehmen Produkte und Dienstleistungen (inkl. Infrastrukturen) in Anspruch, um ihre Empfindungen des Wollens zu befriedigen und dies geht wiederum mit der Nutzung natürlicher Ressourcen oder Ressourcenleistungen (wie z.B. Energie) einher.

  • Die Nutzung von Ressourcen und Ressourcenleistungen stellt dabei nicht das zu befriedigende Bedürfnis bzw. den zu befriedigenden Wunsch dar, d.h. die Nutzung von Ressourcen und Ressourcenleistungen ist lediglich Mittel zum Zweck. Zur Befriedigung ein und desselben Wunsches (z.B. nach Urlaub im Ausland) bzw. Bedürfnisses (z.B. nach Erholung) stehen in aller Regel verschiedene Güter zur Verfügung, und diese können in unterschiedlichem Umfang in Anspruch genommen werden.

Somit muss ein gutes Leben auch über die guten Eigenschaften der Dinge bestimmen werden. Laut Richard Sennet müssen wir auf die Eigenschaften der Bekleidung oder die Richtige Zubereitung von pochierten Fisch achten. Gute Kleidung und gut zubereitetes Essen können uns eine allgemeine Vorstellung von “gut” vermitteln. (Sennet 2009)